Reisebericht der Ökumenischen Studienfahrt der Ev. und Kath. Kirchengemeinde Opherdicke vom 11. - 20.10.2002 nach Polen

Prolog

Der Ökumenische Arbeitskreis 2003 hat es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem im „Spannungsfeld“ des evangelischen und katholischen Glaubens aufklärend zu arbeiten.

Wie könnte man das besser tun als in der Quellenforschung also den Weg hin zu unseren Vätern und Vorvätern (Müttern und Großmüttern). Nachdem wir über den Frieden von Münster und Osnabrück (Ende des 30-jährigen Krieges) intensiv nachgedacht haben, hatten wir im Jahr 2000 ausgiebig Gelegenheit, auf unserer Studienfahrt die Entwicklung des Katholizismus und der protestantischen Kirche bei unseren westlichen Nachbarn zu erleben bis hin zu den ökumenischen Einrichtungen in Taize und Genf. In diesem Jahr sollte es nun Polen, als unser östlicher Nachbar sein. Die Betonung würde in diesem Fall nicht so sehr in die ferne Vergangenheit gerichtet sein, sondern sich vor allem mit der jüngeren Geschichte beschäftigen.

Nach dem Reisesegen in der St.-Stephanus-Kirche ging es um ca. 14.00 Uhr, Freitag, den 11. Oktober aus dem wohlbehüteten Opherdicke in den fernen Tripp gen Osten

Berlin

Die deutsche Hauptstadt wurde als Zwischenstop für die immerhin ca. 1000 km lange Fahrt gewählt. Wir erlebten diese aufblühende Metropole mit den vielen Symbolen der deutschen Geschichte überwiegend vom Bus aus. Ein einstündiger Aufenthalt am Pariser Platz unmittelbar am Brandenburger Tor gab uns noch einmal ein authentisches Erlebnis hinsichtlich der jüngsten deutschen Geschichte.

Das weltoffene, bunte und lebendige Berlin spiegelte sich in den vielen übermannsgroßen Berliner Bären. Diese waren in einem riesigen Kreis nahe dem neu entstehenden Mahnmal des Holocaust, angeordnet. Alle Nationen, die mit ihren Botschaften in Berlin vertreten sind, hatten einen Bären in bunter Vielfalt und nationaler Eigenart gestaltet.

Mit diesen fröhlichen Eindrücken ging es in Richtung Grenze, die wir bei Forst unmittelbar hinter Cottbus überquerten.

Kreisau Breslau

Umrahmt vom Eulengebirge, das zu den Sudeten gehört, liegt Kreisau (KRZYZOWA) in einer Bodenmulde in Niederschlesien, etwa 60 km südwestlich von Breslau (WROCLAW). Der Zobten mit seinen 718 m ist der „heilige Berg“ Schlesiens, der schon in der Vorzeit Kultstätte war.

Uns führte der Weg hierher, um etwas über den Widerstand in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft zu erfahren. Kreisau ist engverbunden mit der Widerstandsgruppe um Helmut James von Moltke. Das große Gut ist zu einem europäischen Begegnungszentrum ausgebaut.

Gleich am ersten Abend hatten wir Gelegenheit, durch eine prächtige Eichenallee zum Berghaus zu wandern. Dieses Berghaus gilt als Symbol des Berghauer Kreises. Es war Wohnstätte in den dreißiger und vierziger Jahren der Familie Helmut James von Moltke.

Wir wurden sehr nachdenklich in diesen historischen Räumen, in welchen Menschen über eine menschlichere, europäische Zukunft nachgedacht haben.

Von Moltke gehöfte damals zu den Hinrichtungsopfern, welche am 20. Juli 1944 auf grausame Art- und Weise in Plötzensee (Berlin) hingerichtet wurden.

Der nächste Tag. der 13.10., ein Sonntag, sieht uns schon früh morgens unter dem Dach im Meditationsraum. Hier feiern wir gemeinsam die Messe.

Nach dem wir eine Schloßbesichtigung vorgenommen haben, geht es in die schlesische Metropole Breslau.

Diese Stadt, die ich Anfang der neunziger Jahre besucht hatte, ist wie verwandelt. Lebendiges lebhaftes Treiben in allen Straßen und Gassen, bunte Vielfalt und Reklame von Konsumgütern sowie viele, hervorragend restaurierte historische Gebäude. Die von der Oder durchflossene Stadt bietet sich reizvoll mit ihrer Dominsel und den Wasserstraßen dar.

Der Besuch der ersten freitragenden runden Stahlbetonhalle (Vorläufer der Westfalenhalle) gehört ebenso zum Programm, wie eine Vielzahl an wunderschönen großartigen Gotteshäusern und historischen Bauten.

Ein Vergnügen besonderer Art bietet uns das Panaroma von Raclawice. Hier wird auf einem Monumentalgemälde von 120 m Länge und 15 m Höhe die Schlacht von Raclawicka dargestellt. Dieses imponierende Kunstwerk macht uns deutlich, warum die Freiheitsliebe und das Nationalbewusstsein der Polen trotz oder gerade wegen der langjährigen Fremdherrsehaften so stark ausgebildet ist. In diesem Schlachtengemälde geht es um den Kampf der polnischen Aufständischen zum Zeitpunkt der zweiten polnischen Teilung 1794 unter der Führung von Kosciuszko gegen das russische Besatzerheer.

Der großartig renovierte Marktplatz ist Treffpunkt vieler Menschen und Aktivitäten.
BILD MARKTPLATZ

Am Abend sitzen wir im „Kuhstall“ in Kreisau in gemütlicher Runde und singen zu den Klängen von Ulla Hoppes Gitarre und den Texten der Mundorgel. Diese Abende in Kreisau gerieten Dank einer klugen Regie der Reiseleitung, zu einem guten Miteinander und zu manchem spontanen "Du".

Der Montag sieht uns wieder in Breslau. Hier werden wir von unserer allseits geliebten Agnieska Moralowska, einer humorvollen, fröhlichen Reiseleiterin älteren Jahrgangs empfangen. Das Eintauchen in die morbide Atmosphäre des jüdischen Friedhofs von Breslau verschafft uns Eindrücke unterschiedlichster Art. Wir stehen vor den Gräbern von Ferdinand Lassalle, einem der Vorläufer der sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland, wie aber auch den vielen berühmten hervorragenden Persönlichkeiten des Judentums in allen Gebieten der Wissenschaften, der Künste und der Wirtschaft.

Hier wird dem einen oder anderen bereits bewusst, welch prägenden fruchtbringenden Einfluss das Judentum in den vergangenen Jahrhunderten auf Polen und Deutschland hatte.

An diesem Ort der Vergänglichkeit (Eingangstor zur Ewigkeit) wird uns bewusst, dass 1939 noch 3,3 Millionen Juden auf polnischem Gebiet lebten, jetzt nur noch 5.000. Das Menetekel Auschwitz ist spürbar.

Der Nachmittag verschafft uns Einblick in die praktische Arbeit der ev. wie auch kath. Kirchengemeinden in Breslau. Im Gemeindezentrum der ev. Kirche erlebten wir neben dem lebendig erzählenden Gemeindepfarrer, einem leibhaftigen Bischof, der uns aus seiner Arbeit der deutlichen Minorität berichtet, im kath. Gemeindezentrum konnten wir die vielen diakonischen Aufgaben dieser tief gläubigen Volkskirche erleben. Zu 95% gibt es in Polen getaufte kath. Christen. Aus diesem Grunde sieht sie in Erfüllung der Liebe zum Mitmenschen eine ihrer großen Aufgaben in der polnischen Gesellschaft.

Den Abschluss in Breslau bildet der Besuch des Edith-Stein-Hauses. Edith Stein, eine jüdische Philosophieprofessorin, konvertierte nach vielen Jahren der Unruhe und Suche nach der Wahrheit zum kath. Glauben. Sie trat dem Karmeliter-Orden bei. Im Jahr 1942 wurde sie im holländischen Kloster verhaftet und am 9. August in Auschwitz in die Gaskammer geführt.

Die Seligsprechung durch Papst Johannes Paul 11. erfolgte am 1. Mai 1987. Dieses Schicksal warf viele Fragen auf Fragen, die stehen blieben, stehen bleiben mussten!?

Auf der Suche zur Wahrheit, zu Gott, sind wir alle.

Früh am Morgen des nächsten Tages nahmen wir Abschied von Kreisau, das uns drei Tage, drei Abende, drei Nächte eine gute Heimstatt war. Das uns einander näher gebracht hat und das uns viel über unsere jüngste Geschichte gelehrt hat. An diesem Dienstag, den 15. Oktober fahren wir zunächst zur Friedenskirche nach Schweidnitz, dem langverschobenen Topziel. Diese außergewöhnliche Kirche, welche nach dem dreißigjährigen Krieg in nur einem Jahr aus Holz, Lehm, Sand und Stroh gebaut wurde, ist für fast 7.500 Menschen ausgelegt. Der großartig ausgeschmückte Gottesraum besticht vor allem auch durch die hohe künstlerische Qualität des Altars, der Kanzel und der Orgel.

Nach einer langen Fahrt durch das oberschlesische Industriegebiet liegt die alte Königstadt Krakau vor uns. In dieser Stadt, der Jugend, der Künstler, der Kirchen wurde die polnische Identität geboren.

Für uns eine willkommene Gelegenheit, ein wenig mehr von unseren östlichen Nachbarn zu erfahren.

Krakau gilt als schönste Stadt Polens und wurde schon früh von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 9 Synagogen erinnern an die Zeit, in der 1/3 der Bevölkerung jüdisch war.

Trotz der späten Quartiernahme im Hotel, nahe der City, finden wir noch Gelegenheit, in den Abendstunden den Rynek (Marktplatz) zu besuchen. Selbst um 22.00 Uhr zeigt die Stadt etwas von ihrer lebendigen Betriebsamkeit. In dieser Metropole mit 750.000 Einwohnern gibt es alleine 100.000 Studenten.

Wir sind beeindruckt von dem prächtig illuminierten Gebäude der Tuchhallen, dem gotischen Rathausturm sowie der Marienkathedrale, wir lauschen den Posaunenklängen, die jede Stunde über den mit südländischer Betriebsamkeit erfüllten Marktplatz hinwegschallen.

Der Mittwoch gehört ganz dieser wunderbaren Stadt. Vormittags geht es unter reisekundiger Führung zum Wawel, direkt an der Weichsel gelegen. In 33 m Höhe erhebt sich dieses imposante Bauwerk über Krakau. Es führt hier an dieser Stelle zu weit, über all die vielen Eindrücke und neuen Erkenntnisse im Detail zu berichten. In der Kathedrale schieben sich in professioneller Manier die Besuchergruppen von einer künstlerischen Großtat zur anderen. In der Krypta liegen die Vertreter der Königgeschlechter, hier wird das Herz von August dem Starken aufbewahrt, der seinerzeit König von Sachsen und Polen war.

Zurück geht es über den Königsweg mit vielen Sehenswürdigkeiten zur Alma Mater, einer der ältesten Universitäten Europas.

Die Marienkathedrale kann jetzt von innen bewundert werden und vor allem der berühmte Hauptaltar des Nürnberger Bildhauers Veit Stoss. Er hat hier aus Lindenholz ein meisterhaftes Panorama des Mittelalters geschaffen.
BILD MARIENKATHEDRALE

Der späte Nachmittag steht (endlich) dem Einkaufsbummel zur Verfügung. Diese Landschaft im Süden Polens wird geprägt durch das Hügelland am Fuße der Karpaten. Zakopane, als berühmter Wintersportort innerhalb der hohen Tatra, liegt nur 80 km südlich.

Aus diesem Grunde gibt es landestypische, selbstgemachte Produkte der wesentlichen und unwesentlichen Art.

Der zweite volle Tag in Krakau führt uns zunächst in den nordöstlich gelegenen Vorort Nowa Huta, dem berühmten Hüttenkombinat und größten Stahlwerk Polens. Wir alle besichtigen die „Arche des Herrn“ einem kollossalen modern gestalteten Kirchenbau. Hier manifestiert sich der Drang des polnischen Volkes nach Religiösität. Trotz offizieller Politik der kommunistischen Machthaber, die diesseitiges Wohlleben für ausreichend hielten und jeden Kirchenneubau verboten, hat sich auch hier die Erkenntnis durchgesetzt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Der Nachmittag gehört der großen jüdischen Geschichte in Krakau. Wir besuchen das altjüdische Viertel Kazimierz mit seinen insgesamt 5 Synagogen. Leider ist hier das jüdische Leben fast zum Erliegen gekommen. Wir diskutieren in einem jüdischen Restaurant mit einer Journalistin der kritischen Kirchenzeitung Tygodnik. Auch dieses Gespräch vermittelt uns viele neue und interessante Einblicke in die Gegenwart der polnischen Gesellschaft.

Der Abend wird beschlossen in einer der vielen Studentenkneipen, in gemütlichen Kellergewölben oder postmodernen Szenebistros. Diese Stadt ist lebenswert. Der 18.10.2002, ein Freitag, führt uns in die Niederungen der menschlichen Bösartigkeit. Der Besuch in Auschwitz und Birkenau steht an. Bereits 1988 hatte ich diese Gedenkstätte menschlicher Apokalypse erstmals besucht. Ich war mir nicht ganz sicher, wie ich sie 14 Jahre nach dem damaligen Schock wieder empfinden würde.

In diesem Kreis von Menschen, denen der christliche Gottesglaube viel bedeutet, fühlte ich mich einerseits geborgen und doch andererseits völlig einsam.

Ich will auf die Einzelheiten hier im Detail nicht eingehen, ein jeder mag sie für sich und wird sie für sich aufarbeiten müssen.

In besonders gefühlsintensiver Nähe sind mir die Minuten unserer Zwischenstation an der Verladerampe. Hier an dieser Stelle, an der von 1942 bis 1945 Tag um Tag tausende Menschen aus den Zügen stiegen und voll letzter banger Hoffnung den sog. „Herrenmenschen“ in die Augen blickten, las Karl-Heinz Göbel aus dem Buch von Elie Wiesel „Die Nacht“ .................................

Der vorletzte Tag sieht uns auf Fahrt in Richtung Wiehiczka, einem südlichen Vorort von Krakau.

Das Morgenlob, das uns während der gesamten Reise ein guter Begleiter und ein inneres Anliegen war, klingt heute ein wenig bedrückt und unsicher. Mit dem Bewußtsein der Geschehnisse von gestern läßt es sich nur schwer loben.

Gott sei dank holt uns die gegenwärtige Großartigkeit der Schöpfung aus unseren schwermütigen Gedanken wieder zurück. Wir leben, bewundern, bestaunen das Werk der Salzbergleute, welche in vielen Jahrhunderten neben dem Salzabbau, Stollen, Kapellen und unterirdische Säle geschaffen haben, und dies alles zum Lobe Gottes. Unsere beiden getrennten Besuchergruppen finden in der 54 x 18 m großen und 12 m hohen Kapelle der heiligen Kinga in 101 m Tiefe wieder zusammen. Wir sind hier vereint, um gemeinsam den großartigen Choral: Großer Gott wir loben dich, anzustimmen.

Mit welch einer Vielfalt an tiefen Gefühlen das menschliche Herz doch fertig wird.

Mit diesen wunderschönen Eindrücken geht es wieder in Richtung Heimat. Am späten Abend erreichen wir Herrnhut in der Oberlausitz. Der Tag selbst klingt mit einem zünftigen Dorfabend in Obercunnersdorf aus. Die dralle Wirtin könnte leibhaftig einem Werbeprospekt der Oberlausitz entsprungen sein. In diesem Dreiländereck zwischen Polen, Tschechei und Deutschland gibt es vieles an interessanten Sehenswürdigkeiten, so dass der eine oder andere für die Zukunft hier zu einem Kurzurlaub angeregt wird.

Herrnhut

Praktizierenden Christen sind die Herrnhuter Losungen vertraut. Darüber hinaus machen die prächtigen Hermhuter Weihnachtssterne von sich reden.

Wir besuchten einen typischen strengen reformierten Gottesdienst. Wir bekamen Einblick in die Brüdergemeine, wir sahen uns den Gottesacker am Hausberg an und standen voller Achtung vor dieser christlichen Gemeinschaft.

Fazit

Nicolaus Ludwig Graf von Zinzendorf ‚ dem Gründer der Herrnhuter Gemeine, verdanken wir Erkenntnisse und Einsichten, die mit Recht am Schluß dieser beeindruckenden nachhaltigen ökumenischen Reise stehen:

    - Die ermündete Christenheit zum lebendigen Glauben erwecken.
    - Streiter für den Herren gewinnen.

    - Alle Kinder Gottes aller Konfessionen verbinden.



W. Cramer

 


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